Geschichte Shao Lin
Es liegt in der Natur historischer Ereignisse begründet, dass es ein nahezu unmögliches Unterfangen ist, eine umfassende, historisch belegbare, exakte Darstellung von der Entstehung und Entwicklung von Shao Lin (Shaolin) sowie dem Quan Fa in China zu zeichnen.
Viele Informationen wurden (auch von Schulen oder Interessensgruppen außerhalb des Klosters) von Generation zu Generation mündlich tradiert.
Dabei zwischen Wahrheit, Legende und purer Fiktion zu unterscheiden ist zumeist sehr schwierig, da die auf diese Weise überlieferten Geschichten oftmals bewusst beschönigt, ausgeschmückt und verändert, d.h. gefälscht wurden, um die jeweiligen Ahnen (Stilbegründer) in ein besseres Licht zu rücken.
Auch heutzutage trifft man auf dieses Phänomen, allerdings unter einem anderen Vorzeichen. Statt Ehre und Ansehen (des jeweiligen Stils einer Schule) treten handfeste finanzielle Interessen in den Vordergrund.
Was nun die Riten des Shao Lin (Shaolin) betrifft, so ist es ebenso sehr schwierig, zwischen Legende / Sage und Wirklichkeit zu unterscheiden. Eine ganze Anzahl von Werken und Dokumenten aus unterschiedlichen Quellen und Epochen bestätigen allerdings eine gewisse Authentizität …
… während der nördlichen und südlichen Dynastien (420-589), im Jahre 495 n.Chr, ließ der regierende Kaiser Xiao Wen der nördlichen Wei-Dynastie, zu Ehren des indischen Mönchs Ba Tuo, das Shao Lin Si (Shao Lin Kloster) bauen.
Es wurde am Fuße des Berges Shao Shi, umgeben von kleinen (jungen) Bäumen errichtet. Lin bedeutet Wald. Shao hingegen ist der Name des Berges, bedeutet aber auch klein oder jung. Daher gibt es zwei Theorien über die Bedeutung von Shao Lin. "Junger Wald" und "Wald von Shao".
In der Zeit um 520-527 n. Chr. (die genauen Zahlen sind umstritten) kam der indische Mönch Bodhidharma (chin. Da Mo) nach Shao Lin. Der Begründer der Chan(Zen)-Schule. Um die Strapazen der langen Stunden in unbeweglicher Meditation leichter ertragen zu können, entwickelte er eine Serie heilgymnastischer Übungen, die sogenannten „18 Übungen des Lohan“. Der Legende nach entwickelte man diese immer weiter und ergänzte sie bis zur Kampfkunst.
Während der Tang-Dynastie (618-907) im Jahre 621 n.Chr., dies ist historisch belegt, befreiten 13 Mönche den Prinzen Li Shimin aus feindlicher Gefangenschaft. Der Prinz wurde bald darauf Kaiser (Kaiser Tai Tsung) der Tang-Dynastie und erlaubte aus Dankbarkeit das Faustkampf-Training auf breiter Basis.
Die Mönche nahmen ein ernsthaftes Training auf und zogen im Land umher, um Meister für fortgeschrittene Stufen aufzusuchen und Erfahrungen mit anderen Übenden auszutauschen. Hierdurch bekam der Shao Lin Faustkampf eine rasche Entwicklung.
Klöster in China waren schon immer Angriffsziele von Räuberbanden und Verbrechern gewesen. So wurde auch das Shao Lin Kloster im Laufe seiner über Fünfzehnhundertjährigen Geschichte immer wieder überfallen und teilweise oder komplett zerstört.
Somit ist es wahrscheinlich, dass sich die Mönche schon vor der Ankunft Da Mo´s mit den Methoden der Selbstverteidigung und des Kampfes befassten. Jedoch wurden über die Jahrhunderte hinweg verschiedenste Kampfkünste und Kampfsysteme im Shao Lin Kloster ausgetauscht, analysiert und weiterentwickelt.
So wurden z.B. in der Song-Dynastie (960-1279) durch den damaligen Abt des Klosters, Fu Ju, Experten aus verschiedenen Kampfsystemen zum Erfahrungsaustausch für mehrere Jahre ins Kloster eingeladen.
Unter der anschließenden Mongolen-Herrschaft, der Yuan-Dynastie (1279-1368) wurden die Kampfkünste im 13. und 14. Jahrhundert ebenfalls intensiviert. Die Mönche bekamen u.a. das Kämpfen von weltlichen Kriegern und Kämpfern beigebracht. Viele berühmte Fachleute, Soldaten und Quan Fa Meister wurden abermals ins Kloster eingeladen.
In dieser Zeit wurde auch die traditionelle chinesische Medizin und das Qi Gong in den Faustkampf integriert. Hierbei spielte die Negativstimulation von Vitalpunkten eine nicht unwichtige Rolle.
In weiten Teilen der Ming-Dynastie (1368-1644) waren die Verbindungen zwischen Shao Lin und dem kaiserlichen Hof ganz besonders. So gab es sehr enge Beziehungen zum damaligen Militär und der Geheimpolizei.
Zum anderen gab es in den schlechten politischen Zeiten während der Ming-Dynastie und ganz besonders während der darauffolgenden mandschurischen Qing-Dynastie (1644-1911) sehr enge Beziehungen zu Geheimbünden und es traten immer wieder idealistisch gesinnte Menschen ins Shao Lin Kloster ein. Mit ihnen wurden ein weiteres Mal verschiedenste Kampfformen ins Kloster getragen.
Durch die Zerstörung des Klosters durch die mandschurische Qing-Dynastie im Jahre 1673/1674, verließen viele Mönche das Kloster und verbreiteten den Shao Lin Faustkampf im ganzen Land.
Die meisten Schulen veränderten sich unter dem Einfluss der kämpfenden Mönche und ihrer Nachfolger und Schüler vollkommen. Kehrten die Mönche Jahre später wieder ins Kloster zurück, brachten sie ihre Erfahrungen und alles, was sie im Laufe ihrer Wanderschaft von anderen Schulen erlernt hatten, ins Kloster ein.
Am Ende der Qing-Dynastie existierten eine Vielzahl von Arten des Shao Lin Faustkampfes, die damals auch alle tatsächlich praktiziert wurden. Obwohl manche seitdem verloren gegangen sind, haben einige solcher Methoden bis heute überlebt. Dazu gehören unter anderem Xiao Hong, Da Hong, Tong Bei, Pao, Lohan, Qi Xing, Rou und Mei Hua.
Während der Republik China (1911-1949), im Jahre 1928, kam das Kloster zwischen die Fronten zweier Kriegsherren und wurde ein weiteres Mal zerstört. Mit wahrhaft verheerenden Ausmaßen. Angeblich brannte das Kloster 40-45 Tage lang. Bis in die fünfziger Jahre blieb es nahezu unverändert.
Unter der kommunistischen Volksrepublik China seit 1949 wurden Kampfkünste verboten. Das Kloster wurde sogar 1966 aufgrund der Kulturrevolution geschlossen.
Ebenso, wie nach der Revolution von 1949, verließen viele Shao Lin Mönche und andere Kampfkunst Meister China. Sie gingen nach Hong Kong und Taiwan, wo sie ihre Künste in größerer Freiheit praktizieren konnten.
Unter der Regierung Mao Tse Tung`s wurde an den Sporthochschulen Chinas eine modernisierte Zusammenfassung einiger Stile und Techniken geschaffen. Das moderne Wu Shu, welches jedoch eher eine Sportart und keine Kampfkunst darstellt.
In den 80er Jahren erkannte die kommunistische Führung das immense Interesse an chinesischen Kampfkünsten im In- und Ausland und ließ das Kloster wieder renovieren. Der Weg für den Tourismus war geebnet.
Heutzutage wird fast ausschließlich modernes Wu Shu als traditionelles Shao Lin Quan Fa verkauft. Dem Laien lässt sich so der Wert des Shao Lin Quan Fa nur schwer erschließen.
Traditionelles Shao Lin Quan Fa kann nicht selten nur noch in Taiwan und Hong Kong bzw. in manchen Schulen in Europa und den USA gefunden werden. Aber auch dort treten klassische, traditionelle Ansprüche zunehmend hinter anderen Interessen zurück. Anders als die Parteiideologie in China ist es das Streben nach finanziellen Profit und Reichtum das die alten Ideale und Traditionen verdrängt.
